Online einen Tisch reservieren, pünktlich erscheinen, bezahlen, gehen – so unscheinbar läuft für die meisten ein Restaurantbesuch ab. Doch im Hintergrund entsteht dabei eine umfangreiche Datenspur. Die Reservierungsplattform OpenTable baut diese Spur nun deutlich aus: Mit Hilfe neuer KI-gestützter Funktionen erstellt das Unternehmen detaillierte Profile über das Verhalten von Restaurantgästen und teilt diese Informationen über sein gesamtes Netzwerk von Partnerbetrieben hinweg.
Mehr als nur eine Reservierung
OpenTable (opentable.de) koppelt sich inzwischen immer häufiger direkt an die Kassensysteme der Restaurants an. Dadurch fließen nicht nur Basisdaten wie Name oder Uhrzeit der Reservierung, sondern auch Informationen über Bestellungen, Rechnungsbeträge, Aufenthaltsdauer und sogar Trinkgewohnheiten in das System ein. Aus diesen Daten generiert OpenTable sogenannte „AI-assisted Tags“-Etiketten, die Gäste charakterisieren sollen.
Das Spektrum reicht von „trinkt gerne Rotwein“ bis zu „neigt zu Verspätungen“ oder „gibt viel Geld aus“. Die KI selbst dient dabei eher als Sortier- und Einordnungstool, das unstrukturierte Kassendaten sinnvoll gruppiert. Trotzdem entsteht um die Gäste herum ein wachsendes Profil, das Restaurants einen immer umfassenderen Blick auf ihre Kundschaft gibt.
Geteiltes Wissen – im ganzen Netzwerk
Heikel dabei ist, dass diese Daten nicht nur in dem Restaurant verbleiben, in dem sie entstehen. OpenTable stellt sie anderen Betrieben zur Verfügung, sofern diese ebenfalls Teil des Netzwerks sind. Wer also in Restaurant A besonders viel ausgibt oder regelmäßig Sonderwünsche äußert, könnte in Restaurant B direkt mit diesen Informationen „ankommen“.
Zwar können Nutzer in ihren Einstellungen der Weitergabe widersprechen – doch vielen dürfte gar nicht bewusst sein, dass solche Daten überhaupt erhoben werden.
Datenschutzfragen bleiben offen
Zwar weist OpenTable in seiner Datenschutzerklärung darauf hin, dass Point-of-Sale-Daten (POS) erfasst werden, doch bleibt weitgehend im Dunkeln, in welchem Umfang diese Daten tatsächlich ausgewertet und wie präzise sie einzelnen Gästen zugeordnet werden. Besonders kritisch dabei ist, dass Nutzerinnen und Nutzer häufig nicht klar erkennen können, welche Informationen über sie gespeichert, wie lange sie vorgehalten und zu welchen Zwecken sie weiterverarbeitet werden. Transparente Einwilligungen oder differenzierte Datenschutzeinstellungen fehlen größtenteils, so dass Gäste faktisch keine Kontrolle darüber haben, welche Rückschlüsse über ihr Verhalten im Restaurant gezogen werden.
Hinzu kommt das Risiko fehlerhafter Interpretationen: Ein außergewöhnlich hoher Rechnungsbetrag kann ein einmaliges Ereignis sein – etwa ein Firmendinner oder eine Geburtstagsfeier. Werden solche Einzelvorkommnisse jedoch als dauerhafte Eigenschaften einer Person abgespeichert, entstehen schnell falsche Profile.
Insgesamt entsteht so ein datenschutzrechtlich problematisches Bild: umfangreiche Datenerhebung, geringe Transparenz, eingeschränkte Kontrolle für Betroffene und potenziell irreführende Profilbildung – ein Mix, der das Vertrauen in die Plattform nachhaltig schwächen kann.
Ein Blick in die Zukunft der Gastronomie
Für Restaurants eröffnet die Datenauswertung interessante Möglichkeiten: besseren Service, gezieltere Angebote, effizientere Abläufe. Doch für Gäste stellt sich die Frage, wie viel Transparenz sie selbst über diese Datenflüsse haben und ob aus einer bequemen Reservierungsplattform schleichend ein Instrument für Verhaltensanalyse wird.
Der Fall zeigt ein grundsätzliches Dilemma moderner datengetriebener Dienste: Je mehr Komfort sie bieten, desto weniger klar ist, was dieser Komfort im Hintergrund kostet. Bei OpenTable ist der Preis dafür, beim nächsten Restaurantbesuch bereits vor der Begrüßung in eine Schublade gesteckt zu werden.
Wenn Gastfreundschaft zum Datensaugroboter wird: Tipps für Hotels und Restaurants im Umgang mit OpenTable
Die Nutzung von Plattformen wie OpenTable bringt für Hotels und Restaurants natürlich Vorteile wie eine bessere Auslastung, effizientere Planung und ein bequemes Reservierungssystem. Doch mit der Einführung KI-gestützter Gäste-Profile geraten Betriebe zunehmend in die Rolle von Datenverwertern, oft ohne sich der Tragweite bewusst zu sein. Damit verschiebt sich die Verantwortung – und zwar deutlich stärker auf die Betriebe selbst, als vielen lieb und bewusst ist.
1. Gäste dürfen nicht zum „gläsernen Kunden“ werden
Wer OpenTable nutzt, holt sich nicht nur ein Reservierungssystem ins Haus, sondern integriert gleichzeitig ein analytisches Tool, das das Verhalten von Gästen für Dritte sichtbar macht. Restaurants und Hotels sollten sich bewusst sein:
- Sie werden zu zentralen Knotenpunkten einer Datenkette.
- Sie vermitteln den Eindruck, dass Essen oder Übernachten im eigenen Haus automatisch mit Tracking verbunden ist.
- Sie sind mitverantwortlich, wenn unfaire oder falsche Profile entstehen oder die Daten gar missbraucht werden.
2. Aufklärung und Transparenz ist Pflicht
Viele Betriebe setzen OpenTable ein, ohne ihre Gäste darüber zu informieren, aufzuklären und entsprechende Einwilligungen zur Verarbeitung von Daten einzuholen. Denn es werden u.a. Bestell- und Zahlungsdaten von den Gästen erfasst, Gäste werden kategorisiert und etikettiert, Daten von Gästen können an andere Restaurants weitergegeben werden. Die Verantwortung über den Schutz der Daten der Gäste liegt klar beim Restaurant, das die Plattform aktiv einsetzt.
Transparenz heißt:
- Auf der Website oder im Reservierungsprozess offen darauf hinweisen, welche Daten erhoben werden.
- Einwilligungen einholen und Widerspruchsmöglichkeiten sichtbar platzieren.
- Auf Anfrage verständlich erklären, welche Informationen über die Person vorliegen.
3. Betreiber müssen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulen
Ein unkritischer Umgang mit Daten kann gefährlich werden:
- Bedienungen verlassen sich auf fehlerhafte Tags („kompliziert“, „hoher Ausgeber“) und behandeln Gäste entsprechend.
- Stereotypisierung und Vorannahmen können sich verstärken.
- Fehlerhafte Profile führen zu Konflikten oder schlechterem Service.
Ein verantwortungsvolles Haus muss:
- Mitarbeitende schulen,
- den Umgang mit automatisch generierten Tags reglementieren,
- und klarstellen, dass KI-Labels kein Ersatz für professionelles, menschliches Urteilsvermögen sind.
4. POS-Integration ist kein Selbstläufer
Die direkte Kopplung des Kassensystems mit OpenTable erzeugt die tiefsten Eingriffe in die Privatsphäre. Viele Restaurants aktivieren diese Option, ohne sie zu verstehen.
Zu klären ist:
- Welche Daten fließen konkret zu OpenTable?
- Wie lange werden sie gespeichert?
- Werden sie dauerhaft Personen zugeordnet?
- Welche Tags entstehen daraus?
- Wer hat Zugriff darauf – im Haus und außerhalb?
Seriöse Betreiber sollten POS-Daten nur aktivieren, wenn sie den Mehrwert gegen die Risiken klar abgewogen haben.
5. Keine Datenweitergabe ohne Einwilligung
Auch wenn OpenTable viel über seine AGB abdeckt – verantwortungsbewusste Betriebe sollten sich fragen:„Würde unser Gast zustimmen, wenn er wüsste, was wir weitergeben?“ Wenn die ehrliche Antwort „nein“ lautet, muss die Nutzung der erweiterten Datenfunktionen deaktiviert werden.
6. Restaurants riskieren langfristig ihr Vertrauen
Gäste erwarten in Hotels und Restaurants ein Schutz- und Komfortumfeld. Werden sie dort unbewusst zu Datenspendern, kann das Vertrauen nachhaltig beschädigt werden – vor allem, wenn bekannt wird, wie viele Details ein einzelner Besuch preisgibt.
Vertrauensschäden zeigen sich oft erst später:
- Gäste meiden bestimmte Häuser.
- Sie verzichten auf Reservierungsplattformen.
- Negative Presse trifft nicht nur OpenTable, sondern auch die teilnehmenden Betriebe.
7. Verantwortungsvolle Alternativen existieren
Viele Häuser setzen inzwischen auf:
- Reservierungssysteme, die keine POS-Daten erfassen,
- lokale Datenspeicherung ohne Vernetzungsweitergabe,
- oder Lösungen, bei denen das Restaurant entscheidet, welche Daten an wen weitergegeben werden.
Wer unbedingt OpenTable nutzen möchte, kann zumindest:
- POS-Daten deaktivieren,
- KI-Tags abschalten,
- interne Notizen statt automatisierter Profile verwenden.
Verantwortungsbewusster Umgang mit OpenTable
Hotels und Restaurants, die OpenTable nutzen, müssen sich darüber im Klaren sein: Sie sind nicht nur Nutzer einer Software – sie sind die erste Instanz, die entscheidet, wie weit Gastdaten in ein vernetztes System eingespeist werden. Ein verantwortungsvolles Haus achtet darauf nur notwendige Daten zu nutzen, Transparenz zu schaffen und Gäste nicht zu Objekten einer datenhungrigen Infrastruktur zu machen.
Moderne Gastfreundschaft heißt nicht, alles digital auszuleuchten, sondern bewusst zu entscheiden, wo Privatsphäre beginnt und wo Technologie enden muss.
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