Die KI-Blase: Warum inzwischen sogar der Toaster einen AI-Seed-Investor sucht
Es gab einmal eine Zeit, da brauchte man für ein Startup eine Idee. Heute genügt ein Pitchdeck, drei Buzzwords und die Fähigkeit, das Wort „AI“ (altmodisch auch „KI“ genannt), möglichst häufig zu erwähnen. Die Formel für den nebulösen KI-Wahn ist verblüffend einfach: Nimm ein Problem, das niemand hat, löse es mit einer KI, die niemand braucht, und sammle anschließend Millionen von Investoren ein.
Früher eröffnete jemand einen Friseursalon, heute gründet er eine AI-native Hair Experience Platform. Der Unterschied? Der Friseur schneidet Haare, das Startup verbrennt Investorengeld und nennt es „Growth“. Tech-Medien spielen das Spiel begeistert mit. Die Schlagzeilen lesen sich wie von einer KI geschrieben, die ausschließlich Venture-Capital-Pressemitteilungen gefressen hat: „Ex-Google-Manager gründet AI-Startup.“, „Ehemaliger OpenAI-Ingenieur sammelt 50 Millionen Dollar.“, „KI revolutioniert den Markt für…“ Den langweiligen Rest darf ein billiger Textgenerator ergänzen.
Der eigentliche Witz dabei ist, dass niemand mehr fragt, ob das Produkt sinnvoll ist. Die einzige relevante Frage, die gestellt wird, lautet: Wie viel Funding? Der Umsatz? Egal! Die Kunden? Irrelevant! Der Gewinn? Nebensache. Es geht immer nur ums Funding. Nach dieser Logik könnte ein Startup einen intelligenten Eierbecher entwickeln, der mithilfe neuronaler Netze erkennt, ob das Frühstücksei emotional bereit zum Verzehr ist. Sobald Andreessen Horowitz investiert, wird daraus eine „disruptive Food-Tech-Plattform“.
In Deutschland wirkt das Ganze manchmal noch sehr viel komischer, als in den USA. Hier werden Geschäftsmodelle kopiert, nachdem sie im Silicon Valley gescheitert sind. Ein Gründer präsentierte z. B. stolz: „Unsere KI automatisiert die KI, die andere KIs automatisiert.“ Wie bitte? Keiner versteht es, alle klatschen, die Investoren frohlocken, die Fördertöpfe öffnen sich – und die PowerPoint? Sie enthält 78 nichtssagende Folien, aber an keiner Stelle eine Antwort auf die Frage:
Warum?
Warum braucht die Welt das? Warum sollten die Leute oder Unternehmen so blöd sein und dafür bezahlen?
Doch solche Fragen gelten inzwischen als innovationsfeindlich. Stattdessen spricht man lieber von Skalierung. Eine Skalierung dessen, was mit 100%iger Wahrscheinlichkeit niemals funktionieren wird.
Irgendwie erinnert mich das Ganze an den Goldrausch (vor meiner Zeit). Damals verdienten nicht die Goldschürfer, sondern die Verkäufer von Schaufeln das Geld. Heute verkaufen alle Schaufeln für den nächsten KI-Goldrausch oder für die Plattformen, auf denen andere ihre Schaufeln mithilfe von AI optimieren können.
Besonders fragwürdig ist auch die Inflation der Begriffe. Früher hieß es Software, dann SaaS, dann Cloud, dann Deep Learning, dann Machine Learning und jetzt? Artificial Intelligence! Und morgen? Vermutlich Quantum AI Blockchain Autonomous Agent Ecosystem. Werden wird jemals erfahren, was es bedeutet? Nein! Das macht aber auch überhaupt nichts, so lange es halbwegs gut klingt. Und die Medien? Sie berichten zuverlässig über jede Finanzierungsrunde AI-getriebener Totgeburten.
Ob diese Produkte jemals einen Kunden finden werden, erfahren wir selten. Warum? Weil das Journalismus wäre und nicht einfach nur Startup-Marketing, das lediglich die Reichweiten und die Werbeeinnahmen in die Höhe treibt. Die eigentliche Tragik liegt jedoch woanders. Zwischen all den künstlich intelligenten Zahnbürsten, Angry-Client-Filtern, AI-Hundeleinen und Chatbots für Zimmerpflanzen verschwinden die wenigen Gründer, die tatsächlich ein reales Problem lösen.
Dummerweise haben aber eben jene Gründer keine spektakulären Buzzwords, keine berühmten Ex-Google-Lebensläufe, keinen 80-Millionen-Euro-Seed. Sie haben stattdessen nur ein funktionierendes Produkt. Aber das ist heute leider viel zu wenig und zu langweilig.
Apropos Geschäftsideen: Gemeinsam mit Gemini, Claude, DeepSeek und Mistral habe ich eine virtuelle Innovationskonferenz abgehalten. Nach drei Stunden Buzzword-Bingo und 17.000 Tokens stand die ultimative Idee fest:
Eine KI, die erkennt, welche KI-Startups komplett überflüssig sind.
Das Produkt hätte sogar einen echten Nutzen und ein Alleinstellungsmerkmal in der Branche. Nur einen Investor würde ich vermutlich nie finden, denn die Software würde bereits beim ersten Scan dessen Portfolio als „kritischen Totalschaden“ markieren.
